Psychogene Tode

By Mittwoch, der 17. April 2019 April 23rd, 2019 Nachrichten

Kommt ein Patient mit Bauchschmerzen zum Arzt. Die Diagnosemaschine wird angeworfen. Schließlich die Nachricht: „Sie haben Bauchspeicheldrüsenkrebs, bereits gestreut, inoperabel. Sie werden innerhalb der nächsten Monate sterben. Regeln sie ihre Angelegenheiten.“
Der Patient stirbt wie prognostiziert.
Nun meine Frage: Woran eigentlich?
Wahrscheinlich an Organversagen, je nach Verlauf, lautet eine Standardantwort der Medizin.
Bauchspeicheldrüsenkrebs, das hat sich herumgesprochen, ist gefährlich, daher sterben von dieser Diagnose Betroffene sehr häufig. Dank Palliativmedizin inzwischen weniger schmerzhaft.
Doch damit ist die Frage noch nicht beantwortet, woran ein Mensch mit Pankreaskrebs tatsächlich stirbt – wenn er denn stirbt.

Ein befreundeter Mediziner erzählte mir kürzlich von einem Fall, der in den USA für Aufsehen gesorgt haben soll. Ein Mädchen wird durch einen unglücklichen Zufall über Nacht in einer Kühlkammer eingeschlossen. Am nächsten Morgen ist das Mädchen tot. Nicht wegen Sauerstoffmangel. Daran herrschte kein Mangel, die Kammer war wohl groß genug, sondern wegen Unterkühlung. Nur: Die Kühlkammer war zu dem Zeitpunkt gar nicht in Betrieb, weil ausgeschaltet. Drinnen herrschten ähnliche Temperaturen wie draußen. Trotzdem starb das Mädchen den Kältetod.

Genau: Totgesagte sterben schnell, auch Totgedachte – umso eher als sie selbst fest daran glauben.

Psychogener Tod wird dieses Phänomen des Todes durch Vorstellungskraft in der medizinischen Psychologie genannt. Tot durch die Erwartung des Todes. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts vielfach beobachtet und dokumentiert bei Eskimos, Naturvölkern in Afrika, nord- und südamerikanischen Indianern, Aborigines in Australien, neuseeländischen Māori, sowie auf diversen Südseeinseln.Ausgelöst wird der psychogene Tod meistens durch Verbalsuggestion. „Ich befehle dir, zu sterben“, soll ein Eskimo-Zauberer einem sehr gesunden und starken Mann gesagt haben, woraufhin der innerhalb von vier Tagen tot war.
Klar, der moderne Europäer hängt zu sehr am Leben und lässt sich nicht einfach so totreden. Dafür könnte auch eine Beobachtung sprechen, die ebenfalls mehrere Forscher indigener Völker gemacht haben: Die Eingeborenen scheinen das Sterben leicht zu nehmen. Kein Kampf gegen den Tod und für das Leben. Im Gegenteil. „… ich habe mehrere junge Frauen und Männer gekannt, die sich gerade so niederlegten und starben, wie sich jeder niederlegt und stirbt“, berichtet der Prediger J. H. Holmes 1924 aus Neu Guinea.
Die nun naheliegende Frage, welchen Anteil das Christentum daran hatte, Eingeborenen Todesfurcht einzupflanzen, wäre ein Seitenpfad dieser Betrachtung und muss daher leider vernachlässigt werden.

Viel wichtiger ist: Wie wurde der psychogene Tod in unsere Gegenwart übertragen?

Die Antwort ist eine Behauptung meinerseits, weil nicht durch Studien belegt, sondern lediglich auf Beobachtungen beruhend, die aber nicht repräsentativ sind. Dennoch: Die modernen Schamanen des Krankenbetriebs (geht ja um viel Geld dabei) halten an ihrer Deutungshoheit fest. Gern auch mit der Macht des letzten Mittels. Und sei es einer Leben / Tod-Prognose.
Und der psychogene Tod gibt ihnen recht. Ist, so gesehen, ein dienstbares Phänomen. Hinterher kann man dann sagen: Organversagen als Folge von …
Ja, ein dienstbares Phänomen. Nein, nicht im Sinne einer Verschwörungstheorie. Denn die Beteiligten haben sich nicht gemeinsam dazu verschworen. Die Sache hat sich vielmehr verschwörerisch entwickelt. Nach und nach. Und will nun umgedreht werden. Sehr hilfreich wäre dafür eine Studie in der Onkologie über die Kraft des Gesundsprechens.
Woran der Patient mit Pankreaskrebs nun tatsächlich gestorben ist, ist an dieser Stelle nicht mehr klärbar. Ich behaupte allerdings, dass die Endzeitprognose für sein weiteres Dasein wenig förderlich war.

Mehr dazu in einem nächsten Beitrag.
Ihr
Otmar Jenner

Quelle für den Tod durch Vorstellungskraft u.a.: Klaus-Dietrich Stumpfe „Der psychogene Tod“

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